Sie sind hier: Startseite > Unsere Musik > „Tenebrae”

„Tenebrae”


Geistliche Chormusik für die Passionszeit von Tallis, Senfl, Orlando di Lasso, Gesualdo und Zelenka

Plakat Tenebrae

Rezensionen

Konzert in der Karmeliterkirche (Mainzer Allgemeine Zeitung)
Konzert in der ev. Kirche Bischofsheim (Main-Spitze)

Beschreibung

Das Passionsprogramm „Tenebrae” steht ganz im Zeichen der alten vokalpolyphonen Musik. Den Titel entnehmen wir dem Karfreitagsresponsorium „Tenebrae factae sunt” („Es wurde Finsternis, als die Juden Jesus gekreuzigt hatten”), womit rein textlich das düsterste Kapitel sowohl des Evangeliums wie auch des Kirchenjahrs thematisiert ist. Zwar trägt die alte Musik dem Mitleiden mit dem Kreuzweg Jesu durch affektiv geladene, bisweilen auch dramatische Wendungen Rechnung. Dennoch wirkt die Musik nicht depressiv. Denn nach neuplatonischer Auffassung, die aller Vokalpolyphonie zugrunde liegt, ist das individuelle Leben und Leiden im immerwährenden harmonischen Fluss des göttlichen Kosmos sinnhaft aufgehoben. Dem entspricht natürlich in besonderer Weise die Heilslehre des Christentums, dass Jesus Christus durch sein Leid und seinen Tod die Gläubigen zum ewigen Leben erlöst. Diese Auflösung des Individuellen in (die reine Glückseligkeit göttlicher) Sphärenharmonie betreibt keine Kompositionstechnik so konsequent wie die alte Vokalpolyphonie. Hier sind alle Einzelstimmen in einen harmonischen Gesamtfluss eingebettet, der in der Finsternis des irdischen Leids förmlich die Sterne aufgehen lässt.

Im Einzelnen stehen folgende Werke auf dem Programm:

Ludwig Senfl: Da Jesus an dem Kreuze hing

Der Schweizer Renaissance-Komponist zeigt sich in dem Werk als virtuoser Vertreter der durch Josquin Desprez geprägten Vokalpolyphonie: Die Hauptmelodie liegt überwiegend in einer der Unterstimmen, während die anderen Stimmen entweder streng kanonisch dem Melodieverlauf folgen oder, den Beginn des Melodieverlaufs in rhythmischen Variationen imitierend, Begleitstimmen zur Melodie entfalten. Eine besondere Spezialität des Josquin-Stils ist der „canon in subdiapente”: Eine Mittelstimme singt die Hauptmelodie, eine andere singt dieselbe Melodie im Wechsel eine Quinte tiefer. Textlich interpretiert das Werk, was später, etwa bei Schütz oder Haydn, unter dem Titel „Die 7 letzten Worte des Erlösers am Kreuz” bekannt wurde

Thomas Tallis: Lamentations of Jeremiah, Teil 1

Die 1565 entstandenen fünfstimmigen „Lamentations” von Tallis zählen in der angelsächsischen Welt zu den Chorklassikern, werden aber auf dem „Kontinent” eher selten aufgeführt, obwohl es sich um eine der schönsten vokalpolyphonen Kompositionen der Renaissance handelt. Charakteristisch für Tallis’ Spätstil ist die klangliche Ausgewogenheit und der, gemäß des Gedankens der Sphärenharmonie, zarte Affektausdruck. Der Satz changiert kunstvoll zwischen Dur und Moll und erzeugt in vielen Kadenzen durch die Gleichzeitigkeit von Dur- und Mollterz („blue notes”!) schwebende Klänge. Zu Grunde liegt ein Auszug der lateinischen Übersetzung eines hebräischen Gedichts, das die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im 6. Jahrhundert v. Chr. sowie Knechtschaft und Leid des jüdischen Volkes reflektiert. Dieses Schicksal wird aber als gerechte Strafe für mangelnde Gottgefälligkeit interpretiert, dem in Tallis’ Komposition durch die refrainartige Aufforderung Rechnung getragen wird, dass sich Jerusalem wieder Gott zuwenden solle. Die Aufforderung entspricht nicht dem biblischen Textwortlaut, wohl aber summarisch dem Geist der Klagelieder.

Orlando Di Lasso

  • In monte Oliveti
  • Timor et tremor
  • Tristis est anima mea

In den fünf und sechsstimmigen Responsorien zum Gründonnerstag entfaltet Lassus einen grandiosen Stimmfluss und realisiert damit in idealtypischer Weise die sphärenharmonische Aufhebung alles irdisch-Individuellen.

Gesualdo di Venosa

  • O vos omnes qui transitis
  • Ecce quomodo moritur justus

Äußerst eigenwillige harmonische Exzesse liefern die beiden Responsoriumsvertonungen für den Karsamstag des neapolitanischen Komponisten Don Carlo Gesualdo, der, im Gegensatz zu den anderen Werken des Programms, eine besondere Emphase auf den affektiven Textausdruck legt. Dergestalt geraten die geistlichen Werke vom musikalischen Ausdruck her äußerst „weltlich”.

Jan Dismas Zelenka

  • Ecce vidimus eum
  • Omnes amici mei
  • Tenebrae factae sunt

Der 1679 geborene böhmische Komponist Zelenka arbeitete ab 1710 als Kontrabassist und Komponist an der Dresdner Hofkapelle bis zu seinem Tod 1745. Vor allem seine zahlreichen Kirchenkompositionen trugen ihm den Ruf eines „katholischen Bachs” ein. Im Gegensatz zu seinen orchestral und solistisch differenzierten Messen orientiert sich Zelenka bei den Vertonungen seiner 27 „Responsoria pro hebdomada sancta” stärker am „alten Stil”, den er u.a. in seinem Kompositionsstudium bei Johann Joseph Fux in Wien kennen lernte. Diese Orientierung zeigt sich vor allem in der Abwesenheit eigenständiger Orchesterstimmen und solistischer Teile. Vom basso continuo abgesehen dienen Instrumente lediglich zur Verstärkung der Chorstimmen und können nach Vorschlag des Herausgebers im Prinzip auch weggelassen werden. Auf der anderen Seite sehen die „Responsoria” neben den überwiegenden Tutti-Teilen auch Solo-Passagen vor, die aber fast immer aus dem Tutti heraus entstehen und ebenfalls mehrstimmig (und nicht monodisch!) konzipiert sind. Bei all dieses Anklängen an die „alte Praxis” zeigt sich aber, dass die Wirkung von Zelenkas Musik primär von einem ausgeklügelten harmonischen Kalkül bestimmt ist, das sich in charakteristisch geformten Themen und Motiven ausprägt.

Textübersetzungen

Lamentations of Jeremiah

Das Klagelied Jeremias, des Propheten, beginnt.
Aleph: Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe, die Fürstin unter den Heiden; und die eine Königin in den Ländern war, muss nun dienen. Beth: Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Wangen laufen; es ist niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröstet; alle ihre Nächsten sind ihr untreu und ihre Feinde geworden.
Jerusalem, kehre zurück zum Herrn, deinem Gott!

(Übersetzung nach Luther. „Aleph” א und „Beth” ב sind die hebräischen Buchstaben, die den ersten Versen des ersten von fünf Klageliedern vorangestellt sind.)

In monte Oliveti

Am Ölberg betete er zum Vater: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet.

Timor et tremor

Furcht und Zittern sind über mich gekommen, und Dunkelheit hat sich über mich gelegt. Erbarme dich meiner, Herr, denn dir habe ich meine Seele anvertraut. Erhöre mein Gebet, oh mein Gott, denn du bist meine Zuflucht, du, mein Gott, bist meine Zuversicht. Ich habe deinen Namen gerufen, verlasse mich nicht.

Tristis est anima mea

Meine Seele ist betrübt bis zum Tod. Bleibet hier und wachet mit mir! Bald seht ihr die Rotte, die mich umstellen wird. Ihr werdet die Flucht ergreifen, ich aber gehe hin, um für euch geopfert zu werden. Seht, die Stunde naht, da der Menschensohn in die Hände der Sünder überliefert wird.

O vos omnes

O ihr alle, die ihr des Weges zieht, blickt her und schaut, ob ein Schmerz dem meinen ähnlich sei. Merkt auf, ihr Völker alle, und schaut meinen Schmerz.

Ecce quomodo moritur justus

Siehe, wie der Gerechte stirbt, und niemand nimmt es zu Herzen! Gerechte werden hingerafft, und keiner merkt auf. Vor dem Angesicht der Bosheit wurde der Gerechte getötet. Doch das Gedenken an ihn wird sein in Frieden. Wie ein Lamm vor dem, der es schert, verstummte er und öffnete nicht seinen Mund. Hinweggenommen wurde er aus der Bedrängnis und aus dem Gericht.

Ecce vidimus sum

Wir sehen ihn, aber er hat keine Schönheit mehr und keine edle Gestalt; keine Anmut mehr ist an ihm. Er nahm unsere Schuld auf sich und leidet für uns. Durch seine Wunden werden wir geheilt. Wahrlich, er hat unsere Leiden getragen und unsere Schmerzen auf sich genommen.

Omnes amici mei

Alle meine Freunde haben mich verlassen, und die mich verfolgen, haben mich überwältigt. Den ich liebte, er hat mich verraten. Mit schrecklichem Blicke schlugen sie mir grausam blutige Wunden und gaben mir Essig zum Trank. Unter Verbrecher stießen sie mich und schonten nicht meines Lebens.

Tenebrae factae sunt

Es ward eine Finsternis, als die Juden Jesus gekreuzigt hatten. Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und er neigte sein Haupt und gab seinen Geist auf. Mit lauter Stimme rief Jesus: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.